Wer derzeit durch den Dietenbachpark spaziert, dem fallen sie auf: Wildkaninchen, die kaum noch Fluchtdistanz zeigen. Auch die Badische Zeitung hat das kürzlich aufgegriffen (Artikel kostenpflichtig). Besonders die Jungtiere kennen weder Hund noch Mensch als Gefahr, und weil im befriedeten Bezirk der Grünflächen nicht gejagt wird, bleibt der natürliche Fluchtreflex schwach ausgeprägt.
Das hat einen Grund, der über den Park hinausreicht. Wildkaninchenbestände schwanken im urbanen Raum stark - je dichter die Population, desto mehr Stress, desto eher brechen Infektionskrankheiten wellenartig aus.
Myxomatose und RHD: reine Kaninchenkrankheiten
Zwei virale Erkrankungen prägen diese Bestandsregulation:
- Myxomatose: Übertragen wird das Myxomavirus meist mechanisch, über stechende Insekten wie Mücken und Kaninchenflöhe, aber auch von Tier zu Tier. Sichtbar wird die Krankheit durch teigige Schwellungen am Kopf - vor allem an Sehern und Lauschern - sowie im Genitalbereich.
- RHD („Chinaseuche"): Besonders die Variante RHDV-2 löst eine rasant verlaufende Leberentzündung aus. Die Tiere verenden meist innerhalb kürzester Zeit an inneren Blutungen. Oft, ohne dass vorher überhaupt etwas auffällig war.
Beide Erreger sind streng wirtsspezifisch. Sie befallen ausschließlich Hasenartige. Für Menschen, Hunde oder Katzen besteht keine Infektionsgefahr - eine Ausnahme bilden nur Hauskaninchen, schlicht weil sie zur selben Familie gehören.
Risiko für Hauskaninchen
Genau hier liegt die eigentliche Gefahr für private Halter. Hauskaninchen sind für Myxomatose und RHD ebenso empfänglich wie ihre wilden Verwandten. Und die Erreger reisen mit: über Grünfutter von Wiesen, die auch Wildkaninchen nutzen, über Stechmücken, über kontaminierte Schuhe oder Kleidung.
Wer Hauskaninchen hält, sollte deshalb auf Frischfutter aus dem direkten Umfeld von Wildkaninchenvorkommen verzichten. Und den Impfschutz gegen Myxomatose und beide RHD-Varianten lückenlos beim Tierarzt auffrischen lassen.
Die eigentliche Gefahr für Menschen: Tularämie
Myxomatose und RHD sind für uns harmlos. Anders sieht es bei der Tularämie aus, im Volksmund Hasenpest genannt, ausgelöst durch das Bakterium Francisella tularensis. Diese Zoonose kann tatsächlich vom Tier auf den Menschen überspringen.
Befallene Tiere magern stark ab, wirken träge und verlieren ihre natürliche Scheu, bevor sie verenden - genau das Verhalten, das aktuell im Dietenbachpark zu beobachten ist, wenn auch aus anderem Grund. Interessant dabei: Untersuchungen aus Niedersachsen zeigen, dass vor allem Feldhasen betroffen sind. In einer aktuellen Stichprobe waren dort sechs Prozent der untersuchten Feldhasen infiziert, alle untersuchten Wildkaninchen dagegen negativ. Wildkaninchen im Park sind also nicht automatisch das größere Risiko, Vorsicht bleibt trotzdem sinnvoll. Wer Hauskaninchen hält und mehr zur Vorbeugung wissen möchte: kaninchenwiese.de hat dazu eine ausführliche Übersicht, inklusive Hinweisen zu Doppelzäunen und sicherem Grünfutter.
Für den Menschen ist das Bakterium hochansteckend. Übertragen wird es durch direkten Hautkontakt mit infiziertem Wild, über unzureichend erhitztes Wildbret, kontaminiertes Wasser oder eingeatmeten, erregerhaltigen Staub. Die Symptome: grippeähnlich, hohes Fieber, schmerzhaft geschwollene Lymphknoten. Wer das bei sich bemerkt, sollte umgehend zum Arzt. Behandelt wird mit Antibiotika.
Verhalten im Revier und im Park
Wildkaninchen bleiben Wildtiere, so zutraulich sie gerade wirken. Berühren und Füttern sollte man sie trotzdem lassen. Kranke Tiere oder Fallwild niemals mit bloßen Händen anfassen. Am besten: die zuständige Behörde oder den Jagdpächter informieren, damit das Tier fachgerecht entsorgt oder untersucht werden kann. Verdachtsproben aus der Region gehen dafür typischerweise ans CVUA Freiburg, das für die diagnostische Abklärung solcher Fälle zuständig ist.
Weitere Informationen:
- kaninchenwiese.de - ausführliche Infos zu Tularämie-Vorbeugung bei Hauskaninchen
- CVUA Freiburg - zuständiges Untersuchungsamt für Fallwild in der Region
- Badische Zeitung: "Deshalb sind sie gerade so zutraulich" - Auslöser dieses Artikels (kostenpflichtig)
